„Der 13te Krieger“ oder „Die Revolte des Patriarchats“

„Der 13te Krieger“ besticht als Film durch seine unheilvoll düstere Stimmung und Antonio Banderas‘ als Hauptdarsteller, der den Krieger und Gelehrten gleichermaßen stoisch wie neugierig und menschelnd verkörpert.
Zugegeben, der Plot des Films liest sich auf dem Papier äußerst dünn, ja hanebüchen, und auch auf Zelluloid wirkt die Geschichte des Films seltsam zerfasert und inkosistent. Regisseur John McTiernan erweist sich aber erneut als routinierter Handwerker, der auch aus den dünnsten Stoffen eine dicke Portion Spannung herauszukitzeln vermag.

„Der 13te Krieger“ ist als Film trotz aller inhaltlichen Ungereimtheiten mächtig unterhaltsam. Der Film ist kompetent gefertigtes, grundsolides Actionkino und weiß, in seiner Sparte zu überzeugen. Nun ist es überhaupt schon einmal schön, hochwertiges Pulpkino zu sehen. Immerhin ist dies eine Disziplin, die heute kaum mehr ein Regisseur beherrscht, hat doch jeder neure Vertreter dieser Sparte Angst davor, mehr als Pulp zu sein, aber zu wenig Finesse, um mehr als etwas anderes zu sein.

Modernes Pulpkino ist also, bis auf wenige Ausnahmen, Kino das uns nichts zu erzählen weiß, aber sich trotzdem auf zweieinhalb Stunden Laufzeit und mindestens vier Filme pro Reihe aufblähen muss. Wir müssten nun aber nicht über einen 22 Jahre alten Film reden, wenn dieser „nur“ kompetentes Pulpkino wäre. Und tatsächlich, „Der 13te Krieger“ bietet durchaus interessante Denkansätze.

Der Film illustriert nämlich die Revolte des Patriarchats in Mythos und Gesellschaft. Was bedeutet das? Robert Graves erklärt uns in seiner Besprechung des griechischen Mythos, dass Mythos und Gesellschaft sich gemeinsam entwickeln.

Wir sehen in der gesellschaftlichen Entwicklung klar den Fortschritt (im Sinne des Wortes: etwas schreitet fort; ohne ideologische Wertung) von den Familienzellen der menschlichen Frühzeit (die bis heute die Keimzelle der Gesellschaft bilden) hin zu tribalistischen Gesellschaften des Neolithikums, über die Großreiche der Antike zu den Nationalstaaten der Moderne.

Ähnlich evolviert auch der Mythos. Wir sollten uns, um das zu begreifen, besonders den religiösen Mythos ansehen. Neolithische religiöse Mythen betonen vor allem die Figur der „großen Mutter“. Es sind naturverbundene Mythen, wenig abstrakt. Der Inhalt der Mythos ist der Inhalt des Realen, die Herrscherin der neolithischen Sippe ist die wegweisende Mutter, die Herrscherin der neolithischen Spiritualität ist die große Mutter.

Im scharfen Kontrast dazu steht der Mythos der griechischen Antike, der ein ganzes Pantheon an Göttern kennt, die die Komplexität der Regungen und Wallungen des Gemüts des antiken Menschen reflektieren. An der Spitze der antiken Gesellschaft stehen entweder der allmächtige König oder der allmächtige Demos, und genauso herrscht über den antiken Mythos der allmächtige Zeus (der in etlichen lokalen Varietäten auftritt, ähnlich wie es der Demos tut).

Wir sehen, einer Differenzierung der Gesellschaft folgt eine Differenzierung des Mythos. Nun mag man einwenden, so einfach sei es nicht, man schaue sich nur Christentum und Islam an, die im Vergleich zur Komplexität des antiken Pantheons einen Rückschritt darstellen. Und ja, dem mag tatsächlich so sein. Aber auch hier zeigen sich Tendenzen zur Differenzierung der Gesellschaften, und zwar die Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Identitäten.

In der Antike herrschten bereits starke Identitäten der Gesellschaften vor, aber sie sind doch nicht vergleichbar mit der Stärke der Identität, die eine Gesellschaft des Mittelalters oder gar der Moderne hat. Um diesen Punkt zu illustrieren: Der Römer (Staatsmann, Soldat, Politiker) wird wohl eine Idee davon gehabt haben, was römisch ist und was nicht. Der Römer (Arbeiter, Bauer) wird wohl noch nicht eine Idee davon gehabt, was römisch ist und was nicht. Der Amerikaner jeder Couleur hingegen wird heutzutage zumindest ein gewisses Gefühl davon haben, was amerikanisches ist und was nicht.

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