Alexander

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Ungeliebt und dann vergessen – nicht das Schicksal Alexanders des Großen, aber doch dieses Films über ihn. Darum ist es nun an der Zeit, dieses überlebensgroße Epos wieder zu entdecken und eine Ehrenrettung durchzuführen.

Was musste man nicht alles über Oliver Stones Film lesen. Schlecht geschrieben, dilettantisch geschnitten, langweilig und unspektakulär. Natürlich, man muss den Final Cut sehen, man muss dieses Epos in seinen vollen 215 Minuten auskosten, und dann werden ihm die negativen und simplifizierten Zuschreibungen nicht gerecht.

Oliver Stone weiß um Alexanders mythische Größe, um seinen irreal legendären Status. Darum macht sich der Film nicht kleiner, er gesteht sich das Epos zu. Und welch Epos er sich gesteht. Alexanders Imperium sei ein Imperium des Geistes gewesen, und so ist es dieser Film. Oliver Stone gibt zu, ein unzuverlässiger Berichterstatter vom Leben des Mannes zu sein und so ist der präsentierte Alexander auch nur eine Interpretation des Großen. Stone begreift den Feldherrn als Kulturverbinder, als Vordenker eines gleichberechtigten und respektvollen Austauschs und Umgang der Völker miteinander.

Stones Film ist über weite Strecken mehr eine philosophische Abhandlung epischen Ausmaßes denn das von vielen erwünschte Schlachtenporträt und darin liegt auch eine stärke des Films. Vor der atemberaubenden Kulisse des Hindukusch philosophiert ein grandioser Colin Farrel über Männlichkeit und Heimat. Stone rutscht dabei nicht in reaktionäre Denkmuster ab, stattdessen transzendiert er die Begriffe, findet zu einem höheren, besseren Ausdruck, einen Ausdruck für den es noch kein Wort gibt. Im Sinne Nietzsches rennt Alexander gegen die Grenzen des Mensch-seins an und er sprengt sie, er ist ein Titan und ein Gott zugleich, Dionysus und Apollo.

Auch wenn Stone die aristotelische Philosophie zuweilen fatal falsch wiedergibt, so verfügt er offenkundig doch über ein profundes philosophisches und psychologisches Wissen, sonst würde dieser Film nicht auf derart beeindruckende Weise komplexe Fragestellungen in epischen Monologen und fantastischen Bildern verhandeln. Es ist hier eine Symbiose aus audiovisuellem und inhaltlichem, eine Bebilderung und, dank Vangelis, Vertonung von Fragen über Männlichkeit, Kultur und Politik. Der Philosophenkönig, den sich Platon wünschte, man meint ihn zu erkennen, wenn Alexander zu Beginn des Films in Babylon einzieht.

So wird Alexander in diesem Film also idealisiert, aber er wird auch als Mensch aufgegriffen. Seiner Überlebensgröße, seiner Übermenschlichkeit beinahe kindlich trotzend steigt er auch in eine große Dunkelheit herab. Der Film verhandelt hier auf beeindruckende Art und Weise die Dualität des Traums, den dieser Alexander zweifelsohne hat, der dieser Alexander zweifelsohne ist. Der Traum kann erhaben und Sehnsüchte erfüllend sein, so wie es der gütige und gerechte König Alexander ist, aber er kann auch fiebrig und mitunter erschreckend, ja beängstigend sein, so wie es der gnadenlose und missverstandene Visionär Alexander ist.

Mit dem Abstieg nach Indien beginnt auch der Abstieg in den Wahnsinn. Oliver Stone dreht in der zweiten Hälfte seines Films eine Antike Variation von „Apocalypse Now“, aber eine die im Vergleich zum Original einen optimistischen Grundton verfügt.

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Am Ende ist Alexander weder Tyrann noch Befreier, beide Seiten ringen mit ihm und am Ende ist er keines von beidem. Und so ist auch dieser Film weder Actionblockbuster noch Arthouse Drama. Er ist eine Millionenproduktion mit einem gewaltigen Starensemble, ein Film der an Schauwerten interessiert ist, diesen Begriff aber so viel weiter fasst als nur plumpe Action, es ist aber vor allem auch ein Megaprojekt, dass seinen Figuren zugesteht, über die Beschaffenheit der Welt zu sinnieren, ein Biopic, dass keinen Anspruch auf Akkuratheit erhebt, ein Blockbuster, der vor allem Spektakel des Geistes sein will. „Alexander“ ist ein großer Film und es wird lange dauern, bis es wieder einen Titanen dieser Art geben wird.

9.0 von 10.0

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