Crawl

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Florida hat unter den US-Bundesstaaten einen besonderen Ruf, dort geschieht regelmäßig das unmögliche. So auch im neuen Film des Franzosen Alexandre Aja: während eines Sturms verschaffen sich zwei Alligatoren über die Abwasserleitung Zugang in ein Haus – und das unmögliche geschieht: was nach Trash klingt, entpuppt sich als hocheffektiver Sommerschocker.

Wenig Anteil haben daran natürlich das rudimentär funktionierende Skript samt forciertem Tocher-Vater-Finden-Zueinander-Subplot und mehr die Inszenierung des Stoffes durch Regisseur Aja. Alexandre Aja schuf sich bereits mit seinen Beiträgen zur New French Extremity einen Ruf als versierter und effektiver Horrorregisseur und erweist sich nun erneut mit „Crawl“ als hervorragender Terror-Handwerker.
Während im freien erdrückend und gleichermaßen beeindruckend ein gnadenloser Sturm umherpeitscht, sind im inneren des Hauses eine hervorragend aufgelegte Kaya Scodelario und ein solide das Gesicht vor Schmerz verziehender Barry Pepper in bedrohlich ansteigendem Wasser gefallen. Einem klassischen Home-Invasion-Film ähnlich dringen die Alligatoren nun ins Haus ein, die brachiale Wucht der urzeitlichen Echsen wechselt sich dabei stets ab mit einem im Schatten lauern, einem beängstigenden Hissen und leuchtenden Augen, die aus der sonstigen schwärze der Umgebung hervorstechen.

Gegen Ende avanciert „Crawl“ dann zu irgendwas zwischen „Der weiße Hai“ und „The Impossible“, mit Killer-Reptilien eben. Was Aja die ganze Zeit über beibehält ist ein gewisse Undurchsichtigkeit und ein Gefühl der Unterlegenheit.
Die Alligatoren sind selten auf den ersten Blick zu sehen, trotz massiver Größe verschwinden sie spielerisch unter Wasser, zwischen Gerümpel, Kellerwänden und Sturmböen im Freien. Auf der anderen Seite findet ein Großteil des Films auch noch im Element der tödlichen Tiere statt, dem Wasser gilt es zu entkommen und doch steigt es unerbittlich weiter an; die Protagonisten können sich nicht dagegen wehren.
Es ist ein dringliches Gefühl des Ausgeliefert-Sein in einer feindlichen Umgebung, ein Gefühl der Verzweiflung, wenn trotz überlegenem Intellekts die menschlichen Protagonisten sich nicht gegen die brachialen und stupiden Kreaturen durchzusetzen vermögen.
Ein wissenschaftliches Manifest ist Ajas Film selbstredend nicht, aber er fühlt sich in vielen Momenten angenehm physisch und fleischig an. Während groß aufgeblähte Hollywood-Produktionen wie „Jurassic World“ die Attacken der Tiere eher fluffig unwuchtig wirken lassen, wohnt in Ajas Film jedem Biss eine urtümliche Brutalität inne.

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„Crawl“ fehlt der Nihilismus und ihm fehlt die Radikalität, um ihn zu einem herausragenden Film zu machen. Es fehlt aber nicht an kompetenter Regie und somit bleibt ein gut gemachter Sturm-Schocker für verschwitzte Sommertage.

6.0 von 10.0

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