Lords of Chaos

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„Lords of Chaos“ gibt zu Beginn an, ein besonders „provokanter“ und „erschreckender“ Film sein zu wollen. Dabei ist Jonas Åkerlunds Film vor allem ein besonders einfältiger Film.

Gleich zu Beginn muss hierbei angemerkt werden, dass der Autor dieser Rezension sich mit den behandelten Ereignissen nur oberflächlich befasste (die Lektüre eines entsprechenden Wikipedia-Artikels war die einzige Form der Beschäftigung; sie erfolgte auch erst nach der Sichtung des Films) und ebenso mit dem Sujet des „Black Metals“ vertraut ist. Zu beurteilen, wie akkurat die Geschehnisse rund um den Metaller Varg dargestellt sind und wie korrekt der Film die Black-Metal-Szene darstellt ist aber auch nicht das Anliegen dieser Rezension. Stattdessen wurde der Film aus der Perspektive eines unwissenden gesehen und dementsprechend beurteilt.

Zunächst einmal sei positiv hervorgehoben, dass der Film einen recht dichten Informationsgehalt bietet. Wer die Ereignisse rund um Musiker Varg und die Band Mayhem nicht kennt, wird hier gut darüber in Kenntnis gesetzt. Leider war es das aber auch: der Film illustriert lediglich, wie es ein Wikipedia-Artikel eben auch tut. Dem eigenen Anspruch, nämlich zu provozieren, aber auch zu reflektieren und die soziologischen sowie psychologischen Hintergründe des entgleisten Jugendkultes zu ergründen wird dieses Werk nicht im geringsten Gerecht.

Stattdessen bleibt „Lords of Chaos“ vor allem immer an der Oberfläche, will lieber ungelenk von Plotpoint zu Plotpoint hasten, statt eine tiefere Analyse durchzuführen und psychologisiert, wenn er es denn überhaupt mal tut, höchst oberflächlich; natürlich  beschränkt sich die einzige Darstellung psychologischer Prozesse auf Freud’sche Träume, anstatt diese aber in abstrakt-individuellen Bildern zu kommunizieren, werden offensichtlichste Metaphern verwendet – man muss eben dem Publikum alles sofort begreifbar machen. Was Jonas Åkerlunds Film leider nicht begreifbar macht, ist die Faszination für den „Black Metal“.

Er nimmt als gegeben, dass Jugendliche sich in der Musikrichtung und damit einhergehenden Themenkomplexen (die von Nonkonformismus über nordische Mythologie, Satanismus, politischen Extremismus und einem allgemeinen Ausdruck der Verachtung mäandern können) verlieren (können) und in dieser Blase zunehmend den Bezug zur Realität verlieren. Erst einmal scheint diese Darstellung doch mehr als nur vereinfacht zu sein, aber darüber kann der Autor aufgrund mangelnder Sachkenntnis nicht urteilen. Vor allem aber zeigt sich eben nur bedingt, was den Reiz dieser Szene ausmacht und die erhöhte Bereitschaft zur Radikalisierung erzeugt. Das ist sehr schade, da gerade Massenphänomene dieser Art furchtbar interessant sind und sich mitunter auch für eine filmische Aufarbeitung eignen können (Lesetipp für Interessierte an massenpsychologischen Phänomenen: „Psychologie der Massen“ von Gustave Le Bon und anschließend „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ von Sigmund Freud).

Wir sehen also, dass Åkerlunds Film seinem inhaltlichen Anspruch nicht gerecht wird und vor allem stark an der Oberfläche bleibt, kaum mehr Substanz bietet als ein Wiki-Eintrag. Ein schlechter Film muss er deshalb aber noch nicht sein, kann er doch filmisch betörend und einnehmend wirken; auch das Ziel der Provokation muss ja nicht zwingend auf der Inhaltsebene erreicht werden, man kann es auch auf der cineastischen verwirklichen. Direkt zu letzterem sei aber gesagt: wirklich provokant fällt die filmische Ausarbeitung nun wirklich nicht, abgesehen von zwei wirklich unangenehmen Gewaltszenen bleibt „Lords of Chaos“ über weite Strecken sogar sehr harmlos.

Auch einen filmischen Rausch will er nicht kreieren, was sehr ärgerlich ist, da gerade bei Filmen mit starkem musikalischen Bezug eine hervorragende Synthese aus Bild und Musik in einem frenetischen Exzess münden könnte. Tatsächlich gibt es auch eine wunderbar energetisch gefilmte Konzertszene im Filme (hier zeigt sich Åkerlunds Vergangenheit als Konzertfilmer), aber leider bleibt es nur bei dieser einen Szene. Der Rest des Films ist unterwältigender Standard, niemals wirken die Bilder immersiv, mitreißend oder abstoßend. Auch audiovisuelles Erzählen will der Film leider nur ungern anwenden. Die sich zuspitzende Dramatik hätte man ja wunderbar die immer rasantere Bebilderung und einen immer weiter eskalierenden Metal-Soundtrack darstellen können, stattdessen aber muss ein Erzähler aus dem Off darauf hinweisen, dass sich nun alles ganz schlimm daneben entwickelt hat.

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Somit bleibt am Ende ein primär langweiliger und oberflächlicher Film, ein Film, der wenig interessantes zu bieten hat. Für Fans der Black-Metal-Szene mag er vielleicht einen Blick wert sein, wobei diesen eventuell die einseitige Darstellung des Sujets sauer aufstoßen könnte. Der Rest der Menschheit jedenfalls sollte, bei Interesse an den dargestellten Vorkommnissen, dass Lesen dem Sehen (wobei man diesen Film eigentlich nur Schauen kann) als informierende (und weitaus unterhaltsamere) Tätigkeit vorziehen.

3.0 von 10.0

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