Tote Mädchen lügen nicht – Staffel 1

„Tote Mädchen lügen nicht“ ist eine jener Serien, bei der man sich fragt, warum sie eigentlich plötzlich so im Trend ist. Immerhin: die Serie schaffte es, etwas zu tun, was vielen Buch-Adaptionen häufig nicht gelingt. Sie hat sich in ihrer zweiten Staffel völlig von der Vorlage entfernt (tatsächlich beruht ja die zweite Staffel auch gar nicht mehr auf dem gleichnamigen Roman) und wird von Fans ebenjener trotzdem mit Schnappatmung und Handkuss aufgenommen. Eine dritte Staffel ist natürlich schon längst in Planung. Mit Staffel 1 fing nun aber natürlich alles an und die Frage ist: was steckt in dieser Serie?

Zunächst einmal das offensichtliche: „Töte Mädchen lügen nicht“ ist ein Teen-Soap-Drama und auch, wenn gerade viele Fans sich gegen diese Begriff wehren, ist die Serie eben eins und kann auch eben dort durchaus einige Qualitäten aufweisen. Der Soundtrack, bei Zeiten vielleicht eine Spur zu edgy, ist doch häufig phänomenal, die Darsteller sind häufig solide und die Dialoge, im Vergleich zu Konkurrenzformaten, nicht einmal besonders körnig oder peinlich. Vor allem aber, typisch für erfolgreiche Soap-Dramen (vor allem jene, die einen erhöhten Qualitätsanspruch haben) macht die Serie Spaß. So makaber es klingen mag, aber es ist genuin unterhaltsam und mitunter spannend, diese Serie zu verfolgen.

Dort liegt aber eben auch die Problematik. Es geht eben nicht ausschließlich um High School Drama, um Sex, Crime and Rock ’n Roll im konservativ-biederen amerikanischen Vorort, es geht um einen Selbstmord und dreizehn Gründe für diesen. Die Serie hat natürlich eine Kontroverse ausgelöst und es wurde bereits alles gesagt, die eine Fraktion beklagt, wie plakativ und banal die Gründe für den Selbstmord letztlich sind, während die andere wahrscheinlich schon selbst darüber nachdenkt, einen auf Hannah Baker zu machen und irgendwo in der Mitte stehen all jene, die diese Serie einfach nur als Drama genossen haben.

Nun ist es aber eben so, dass Hannah Baker nicht den „Alltag einer Heranwachsenden“ erlebt, wie es von Seiten der Kritischen gerne heißt. Ja, viele ihre Probleme sind Bagatellen und Dinge, die Millionen von Teenagern jeden Tag erleben. Im krassen Kontrast dazu steht aber eben hartes und schreckliches, wie die Vergewaltigung durch einen Mitschüler, was zumindest in einer perfekten Welt keinesfalls alltäglich sein sollte.

Das Problem sind also nicht die Gründe für den Selbstmord, wenngleich hier Alltägliches und Markerschütterndes Seit an Seit gestellt und das eine dadurch unnötig dramatisiert und das andere gefährlich bagatellisiert wird. Das Problem ist der Selbstmord an sich. Selbstmord ist eine Verzweiflungstat, die aus einem Gefühl der Sinnlosigkeit heraus begangen wird. Nur, wer völlig im Nihilismus versunken ist und die Nichtigkeit der Dinge tagtäglich erlebt, ist in der Lage, eine derart absolute und endgültige Entscheidung zu treffen. Was Selbstmord nicht ist, ist ein Schrei nach Aufmerksamkeit oder gar ein Racheakt. Ein versuchter Selbstmord, stümperhaft durchgeführt und daher zum scheitern verurteilt, ist ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Ein Mord ist ein Racheakt. Selbstmord steht zwischen diesen Dingen und ist doch nichts von beiden. „Tote Mädchen lügen nicht“ aber will Selbstmord unbedingt als Beides begreifen. So sind die von Hannah Baker angefertigten Tonaufnahmen doch eben der Schrei danach, von der Welt gesehen zu werden und zugleich ein wütender Racheakt gegen jene und ihre Wirkung entfalten sie ja nur durch Hannahs Tod.

Und das tragische ist, dass diese Figur, die sich aus einem verfehlten Sinn von Selbstgerechtigkeit heraus das Leben nimmt, am Ende der ersten Staffel zumindest triumphiert. Sie zerstört die Leben ihrer Peiniger, sie übt große Rache, sie steht im Zentrum der Aufmerksamkeit und ihr empfundenes Leid ist, der Natur des Selbstmordes wegen, beendet. Selbstmord als Kampfansage, als getarnter Weg zum Sieg, dass nimmt man aus dieser Produktion mit.

4.0 von 10.0

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