Halloween

Knappe 40 Jahre nach John Carpenters stilprägendem Original und pünktlich zum alljährlichen Spukfest kehrt das „Halloween“-Franchise in die Kinos zurück. Diesmal sogar unter Beteiligung des Altmeisters Carpenter als Produzent und Komponist und als Fortführung des ersten Teils, heißt auch, als Annulierer der vorigen Fortsetzungen und Rob Zombies kontroversen Reboots. Doch was kann der neue alte „Halloween“; ist es eine triumphierende Rückkehr des Franchises oder doch nur Franscheiß?

Leicht beantworten lässt sich diese Frage und doch nicht einfach, denn: „Halloween“ ist zweifelsohne ein gelungener Film und auch einer, der bei seinem Publikum auf viel Gegenliebe stoßen wird. Zugleich aber führt ein Erfolg des Films eben jenes Publikum vor, dass wie kein voriges auf ein Element des Films konditioniert wurde und dieses mit höchster Akribie über jedes Andere erhebt: das Drehbuch.

Sicher kann ein gutes Drehbuch einen guten Film machen, es muss aber nicht. Ein Film ist eben, auch wenn es viele in Zeiten, in denen dank Serien-Booms das Narrativ an immer mehr Bedeutung gewinnt, vergessen, mehr als nur das geschriebene Wort. Ein Film wird doch besonders durch die audiovisuelle Ausgestaltung zu dem faszinierenden Medium, dass er nun einmal ist und die Sinnlichkeit des formates Film liegt eben auch in der Audiovisualität, die ja im wahrsten Wortsinne an den „Sinn“ appelliert, begründet. „Halloween“ von David Gordon Green ist ein genialer Beweis für diese These. Gerade in Zeiten, in denen auch Horrorfilme inhaltlich immer intensiver unter die Lupe genommen werden – ohne, dass man dabei auf Subtexte oder in der Inszenierung versteckte Inhalte achten würde, es geht dabei lediglich im Skriptkoherenz und darum, wie „logisch“ das Ganze ist und wie viel „Sinn“ es ergibt – dürfte ein Erfolg des neuen Alten beim Publikum, und zwar ein sich in Scores und Ratings und nicht an Umsätzen gemessener Erfolg, dem Publikum die Augen öffnen oder zumindest ein Minimum an Licht auf die Pupille treffen lassen.

„Halloween“ nämlich ist ein furchtbar geschriebener Film, ein Film, dessen Drehbuch nach allen Regeln der Kunst versagt, scheitert und eigentlich auch ziemlich verärgert. Die Dialoge sind käsig und körnig, die Erzählweise unstringent und Potential wird dauerhaft verschenkt. Die Stumpfheit des Drehbuchs lässt sich an drei Beispielen skizzieren.

Erstens: direkt zu Beginn etabliert der Film zwei junge Journalisten als Figuren, die eine Reportage über Michael Myers anfertigen wollen und auch kurzzeitig auf dessen Spuren wandeln. Was eigentlich als Ausgangssituation einen guten Autor dazu verleiten würde, noch stärker Beziehung zum Original zu knüpfen, vielleicht aber auch Unterschiede zu formen und einen politischen Subtext einzuflechten ( Rückbesinnung auf Vergangenes gegen stetige und rasante Veränderung in der digitalen Welt/eine Analogie auf Vergangenheitsflucht und Fortschrittsangst) und auf jeden Fall eine satirische Abhandlung über die Spektakelgeilheit der Medien und das unmoralische in der Berichterstattung über Gewalttaten zu spinnen, wird in diesem Film lediglich dazu genutzt, dass man zwei Nichtsahnende Opfer auf einem schmuddeligen Tankstellen-Klo abschlachten kann. Es ist diese Unreflektiertheit, mit der der das Drehbuch des Films jeden inhaltlichen Ansatz nur solange verfolgt, bis es eben in einem ADHS-Anfall die damit verbundene Figur zerhackt, die den Film von einem rein inhaltlichen Standpunkt aus schwach wirken lassen.

Ein weiteres Beispiel dafür ist auch, wie im Drehbuch immer wieder dann, wenn wohl der Autor das Gefühl hatte, es müsse irgendetwas „deepes“ und „provokantes“ eingestreut werden, gefragt wird, was die von Michael Myers ausgehende Gewalt eigentlich mit dessen eigener Psyche anrichte. Eine interessante Frage, eigentlich. Nur verweigert man sich konsequent, auch nur irgendeine psychologische Perspektive einzunehmen. Anders, als noch Rob Zombie, der eine psychodynamische Perspektive einnahm, betrachtet dieser Film Michael Myers aus gar keiner Perspektive. So weit, so stumpf, richtig ärgerlich wird das Drehbuch aber gegen Mitte.

Dort geschieht etwas völlig unerwartetes, mit großem Potential zum Verärgern toxischer Fanscharen, etwas, dass als großer Twist die Dynamik des Films völlig verändert und ihn entweder auf ein neues Level erhoben oder implodieren lassen hätte, auf jeden Fall aber innovativ gewesen wäre. Das Drehbuch streut also diesen Twist ein, lässt den Zuschauer sogar für eine Minute in dem Glauben, er würde tatsächlich etwas ungewohntes präsentiert bekommen – und rudert dann vom Twist zurück, revidiert ihn vollständig, ja ermordet und zerschmettert ihn sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Fehlender Mut, fehlende Originalität, fehlgeleitete sklavische Orientierung am Original, vielleicht sogar alles drei. Woran es auch gelegen haben mag, in diesem Moment beweist sich das Drehbuch von „Halloween“ als, maximal freundlich formuliert, zweckmäßig oder eben, maximal negativ formuliert, ganz furchtbar zusammengezimmert. Warum also ist „Halloween“ trotzdem ein guter Film?

Das hängt eben unter anderem mit der Umsetzung des Stoffes zusammen. David Gordon Green erweist sich als veritabler Regisseur, der inszenatorisch unübersehbar in die Fußstapfen John Carpenters treten will und das überraschenderweise auch erstaunlich gut hinbekommt. Ähnlich wie Carpenter liebt David Gordon Green Objekte, kleine und große, die häufig im Fokus stehen, so sehr, dass alles im Hintergrund zu bedrohlichem Matsch verschwimmt. Anders als bei Carpenter ist Michael Mayers dieses Mal allerdings keine Gestalt, die sich mitten im Sichtfeld, am hellen Tag versteckt, keine Figur, der es gelingt, im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen keine Aufmerksamkeit zu erregen. Stattdessen ist Myers nun eine Figur, die sich im Augenwinkel bewegt, in der Ferne lauert, eine Figur, die das Licht und den Blick meidet. Gleich ist Beiden Regisseuren aber eines: Michael Myers ist eine stoische und unbewegte Figur, die aber mit höchster Wucht und Gewalt in den Alltag eindringt, mit immenser Brutalität die Sicherheit und Geborgenheit, in der man sich wägt, zertrümmert.

Halloween (2018)

Einige Dinge bleiben eben immer gleich: und wenn Michael Myers sich, umgeben von Fabelhaftem Licht- und Farbspiel unterlegt von John Carpenters schweißtreibendem Score vor herrlich reduzierter Kulisse, durch eine Kleinstadt mordet, dann kann man als zusehender nicht unberührt sein, nicht nicht besorgt sein. Und dann ist der Film eben trotz stumpfen Skript ein guter Film.

6.0 von 10.0

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