„The Nun“ oder der Horror der „Conjuring“-Reihe

2013 erschütterte und elektrisierte ein Horrorfilm das Publikum wie kaum ein anderer der letzte Jahren: „The Conjuring“ von „Saw“-Regisseur James Wan. Als die Renaissance des Horrorfilms wurde dieses Werk angepriesen; als die Abkehr vom Gore-Gewitter zum gediegenen Gothic-Grusel. Die Wahrheit sieht dabei jedoch anders aus:

Horrorfilme waren nie nur Gore-Gewitter. Sicherlich gab es besonders Anfang des neuen Jahrtausends mit dem ausklingenden Teenie-Slasher, dem aufkommen des Torture Porns und der Welle der New French Extremity Gore-Filme en masse. Aber Gewalt-Schocker waren immer fester Bestandteil des Horrorkinos, jedes Jahrzehnt hatte seine Gore-Hounds; man erinnere sich nur an den Giallo der 70er und den Body-Horror der 80er Jahre. Grusel abseits von Gore war aber nie verloren, auch im neuen Jahrtausend nicht, als Beweis dafür dient die Welle der Post-Horror Filme.

Zum anderen stellt „The Conjuring“ keine Neuerung im Genre dar. Stattdessen frühstückt der Film fröhlich sämtliche Haunted-House-Klischees ab und beschränkt sich in der Inszenierung auf mehr oder minder effektive und kreative Variationen des Jump-Scares. Das ist alles weder erschreckend noch nachhaltig beunruhigend, aber unterhaltsam und variantenreich schauderig; zumindest bis der Film in der letzten halben Stunde nur noch in überlaute Knalleffekte und spirituell-antiwissenschaftlichen Quark abdriftet. So bleibt also ein durchschnittlich qualitativer, aber überdurchschnittlich erfolgreicher Horrorfilm.

Wirklich erschreckend ist mehr, was danach kam. Bereits ein Jahr nach „The Conjuring“ erblickte „Annabelle“ das Licht der Leinwand. „Annabelle“ ist das erste Spin-Off der „Conjuring“-Reihe und erzählt die Geschichte der Grusel-Puppe Annabelle, die bereits im ersten „Conjuring“ ab und zu ihre Fratze vor der Kamera präsentieren durfte. „Annabelle“ wurde zwar von der Kritik vernichtend aufgenommen, lief aber erfolgreich genug um im Jahr 2017 ein weiteres Mal über die Leinwände flimmern zu dürfen. „Annabelle“ ist einer dieser Filme, die niemand gebraucht hätte, aber auch niemandem wirklich weh tun. Ein Spin-Off, zu einem Dämonen-Ding, welches im „Conjuring“-Film weder viel Zeit noch irgendeine inhaltliche Relevanz einnahm; man kann also in diesem Falle noch mit viel Wohlwollen von Erweiterung des Universums reden.

Die bereits angedeutete Obskurität und Schrecklichkeit folgt erst danach. 2016 weht der Wind, der für gewöhnlich in Geister-Gruselern des Nachts die Fenster zuknallen oder aufschwingen lässt, „The Conjuring 2“ in die Lichtspielhäuser. Wieder inszeniert von James Wan, wieder frenetisch bejubelt vom Publikum aber diesmal obszön dämlich konstruiert. Verkrampft versucht „The Conjuring 2“ den bekanntesten Fall seiner Hauptcharaktere Ed und Lorrein Warren (die wirklich existieren), nämlich den Amityville Horror (oft verfilmt, aber immer ohne die Warrens) mit dem im Film behandelten Fall, nämlich dem Enfield Poltergeist, zu verknüpfen.

Darum beginnt der Film auch im Amityville Haus und darum ist auch eine dort zuerst erschienene Dämonen-Nonne mitverantwortlich für das Enfield-Haunting. Das klingt auf dem Papier übermäßig kompliziert und ist es im Film auch, es erschließt sich auch nie warum Amityville und Enfield verknüpft werden müssen, ist ein Amityville-Film im „Conjuring“-Universum doch nicht geplant und die alten Adaptionen des realen Horrors sind dem jungen Publikum, an welches sich die „Conjuring“-Reihe ja offensichtlich richtet, ohnehin nicht geläufig. Sie findet aber trotzdem statt und somit hat der Film zwei plagende Geister, nämlich „The Nun“ und den bereits vor Erscheinung der Nonne im Enfield-Haus ansässigen „Crooked Man“.

„The Conjuring 2“ ist dabei unbeholfen erzählt und beschränkt seinen Terror darauf, in exzessivem Maße Jump-Scares einigermaßen solide aufzubauen und dann im entscheidenden Moment grausam zu versauen. Zehren kann der Film immerhin ein wenig von dem Mysterium, dass seine beiden dämonischen Nervensägen umgibt. Aber wie der geneigte Genre-Fan weiß, startet am sechsten September diesen Jahres „The Nun“ in den deutschen Kinos und hier offenbart sich auch der wahre Horror der „Conjuring“-Reihe: Der Horror des Geldes nämlich, dem das Mysterium und das Unbekannte bereitwillig geopfert wird. Der wenige Grusel, den die „Conjuring“-Reihe gehabt hat, wird durch das Konzept der Spin-Offs vernichtet.

„Annabelle“ mag noch eine nette Ergänzung gewesen sein, „The Nun“ allerdings betrachtet die Geschichte eines der wichtigsten Monster aus „The Conjuring 2“ und raubt diesem damit das Unbekannte, welches es umgibt. Diese Figur wird entzaubert und wird völlig durchkommerzialisiert. Dem Horror wird dadurch etwas berechnendes gegeben und er verliert seine eigentümliche Schlagkraft. Wenn „The Nun“ gut läuft, wird es ähnlich wie bei „Annabelle“ wohl auch einen Nachfolger geben, der die Figur weiter zur Spielfigur degradiert und ihr immer mehr das unheimliche raubt.

Schluss ist da aber noch nicht: Ein Spin-Off für den „Crooked Man“, also den zweiten Antagonisten des zweiten „Conjuring“-Films, befindet sich anscheinend ebenfalls in Planung. Ein dritter „Conjuring“-Film ist auch, obgleich noch nicht offiziell angekündigt, eine Selbstverständlichkeit und wenn die Produzenten den aktuellen Kurs fortsetzen, dürfte auch dieser gleich mehrere Geister-Wesen einführen – zum Zweck auch diese mit Spin-Offs zu eigenen Franchises umzufunktionieren.

Der Horror der „Conjuring“-Reihe ist also nicht der in den Filmen zur Schau gestellte Grusel, es ist also nicht die massive Diskrepanz zwischen eingefahrenem Erfolg und tatsächlicher Qualität, sondern es ist das Unverständnis der Produzenten, dass Unverständnis davor, was einen guten Horror-Schurken ausmacht und der Zwang, dass die Dämonen ihre Masken fallen lassen müssen. Hoffentlich nehmen sich andere Horror-Franchises kein Beispiel daran.

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