Sicario 2

Emily Blunt fehlt, Denis Villeneuve fehlt und auf moralische Ambivalenz muss man auch verzichten, hießt es bereits im Voraus. Was also bleibt in „Sicario 2“ von Stefano Sollima übrig vom gnadenlosen und höchst ambivalenten Erstling?

Tatsächlich eine Menge, oder zumindest genug, um als Fortsetzung des Erstlings erkannt zu werden. Sollimas Film ist wieder ein sehr grimmiger und unbarmherziger Reißer geworden, der erschreckend hart und realitätsnah daherkommt. Ebenfalls erneut an Bord sind Josh Brolin und Benicio Del Toro und Sollima arbeitet ähnlich akribisch wie Villeneuve die komplexen Verflechtungen der amerikanischen Geheimdienste aus.

Was aber eben fehlt, ist die moralische Ambivalenz, die Emily Blunts Figur im ersten Teil noch besaß. „Sicario 2“ besitzt nur mehr Charaktere, für die der Zweck alle Mittel heiligt, die keine Grenzen mehr kennen. Dementsprechend schwer fällt es, sich mit den gezeigten Figuren zu identifizieren. Wer „Sicario 2“ sehen will, muss sich darauf einstellen, trotz höchst immersiver Action auf Distanz zum geschehen zu bleiben. In nur wenigen Momenten schafft Sollima es, den Abstand zu den gebrochenen, kranken und erschütternden Charakteren des Films zu überwinden und deren gepeinigte Psyche mit kleinsten Gesten zu vernähen. Es ist aber so, dass Sollima sich weniger für Inhalte interessiert.

Ja, es ist so, dass der Regisseur das gezeigte Milieu mit höchster Genauigkeit ausleuchtet, aber die Charaktere zeigen nur selten etwas von ihrer Vielschichtigkeit und dem brodelnden Inneren und die erzählte Geschichte, die irgendwo zwischen dem ersten „Sicario“ und „Logan“ mäandert, ist im Kern ebenfalls altbewährt und überraschungsarm. Was diesen Film wirklich sehenswert macht, ist das drumherum, ist Sollimas Inszenierung und das hypnotisierende Schauspiel Brolins und Del Toros.

Stefano Sollima kreiert einige der härtesten Bilder, vor denen man dieses Jahr erschaudern konnte. Seine Action ist mit höchster Präzision inszeniert, die Kamera verfolgt die hoch realistischen Shootouts minutiös und der bedrohlich dunkle Score tut gemeinsam mit der brachialen Soundkulisse sein übriges. Wenn die ständig schwelenden Konflikte in „Sicario 2“ ausbrechen, weiß man als Betrachter, dass niemand mehr sicher ist und krallt sich unweigerlich im Sessel fest.

Dazu kommt, dass Sollima die Weite und Öde des mexikanischen Landes eindrücklich verdeutlicht. Es kommt ein Gefühl der Einsamkeit und der Isolation, aber auch der Ausweglosigkeit auf. „Sicario 2“ ist in seinen besten Szenen zwischen gnadenloser Kompromisslosigkeit und erschreckender Ehrlichkeit auch ein deprimierender Film, der klar macht, dass die gezeigten Charaktere keine Wahl hatten, unfreiwillig in den Sog der Gewalt gezogen wurden und nun keinen Ausweg mehr finden können.

Das Schlussbild des Films macht deutlich: in dieser Welt kann der Terror, der im eigenen Tod resultiert, nur verschoben werden. Niemals aber verhindert.

6.0 von 10.0

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