Wahrheit oder Pflicht

Das stets hochinteressante Horrorgenre hat in den letzten Jahren eine kleine Renaissance erlebt. Anfang des Jahrhunderts drängten viele auf Popkulturelle Phänomene setzende Gruselfilmchen Qualitätshorror in die Ecke und dominierten daraufhin den Mainstreammarkt. In den letzten Jahren hat sich der anspruchsvolle Gruselfilm aber zurück in das Massenbewusstsein gekämpft und ein hochwertiger Horrorfilm nach dem anderen eroberte die Kassen oder zumindest die Herzen des Publikums. Die Produktionsschmiede Blumhouse, die auch Teile der starken Schocker finanzierte, beweist nun aber eindrucksvoll, dass es ihn dennoch noch gibt. Den schrecklich schlechten Horrorfilm.

„Wahrheit oder Pflicht“ fühlt sich an wie ein Film, der gerne unglaublich erfolgreich sein möchte (und es leider wahrscheinlich auch sein wird). Alles an diesem Film wirkt so, als ob Regisseur und Autoren bereits bei der Konzeption von Dollarscheinen geblendet waren. Sicherlich, jeder Film ist auch ein ökonomisches Produkt, dass einen gewissen Gewinn erwirtschaften soll, aber man hat doch selten einen Film gesehen, der so peinlich bemüht war, den Zeitgeist zu treffen. Das fängt schon damit an, dass der Film auf furchbar hässliche CGI-Fratzen als Schockeffekt setzt, die in aller letzter Instanz nichts weiter sind als wahnsinnig witzige Snapchat-Filter, die man am liebsten sofort an seine Freunde schicken möchte!

Der Film macht weiter, in dem er einen gezwungen, gestellten Social-Media-Bezug herstellt; das Thema dabei aber dermaßen altbacken angeht, dass es einem jugendlichen Zuschauer vor Fremdscham fröstelt. Apropos jugendliche Zuschauer: dieses Klientel wird „Wahrheit oder Pflicht“ wohl am ehesten ansprechen wollen; widmet er sich doch dem Teenie-Sujet. Verwerflich ist daran erstmal nichts, der Teenie-Horror bietet sich ja wunderbar dafür an, die Ängste und Sorgen einer Generation filmisch erfahrbar zu machen. Ja, er könnte sogar ähnlich der popliterarischen Adoleszensliteratur als Projektionsfläche für achronologische, struktur- und normfreie, sinn- und (moralisch)wertlose Reflexion über Existenz, die sich an Oberflächen beißt und doch an der Oberfläche bleibt, stets im kreis drehend, anbieten.

„Wahrheit oder Pflicht“ ist zwei Sachen davon: an der Oberfläche bleibend und stets im Kreis drehend. Tiefschürfendes, beißendes, aufregendes findet man hier keinesfalls und, leider muss man sagen, versagt der Film auch handwerklich. Ein Gespür für den Grusel, der einer ganzen Generation durch Mark und Bein fährt, misst man hier jedenfalls schmerzlich. Es ist ein seichter Film, ein harmloser sicherlich auch, aber eben auch ein ärgerlicher. Es ist ein Film, der sich in seiner eigenen Belanglosigkeit badet, sich in ihr viel zu wohl fühlt.

Manchmal gewiss unterhaltsam in seiner Stumpfheit, meistens aber mies in seiner Tumbheit, ist „Wahrheit oder Pflicht“ einer dieser Filme, die man nur sehen sollte, wenn man bei Wahrheit oder Pflicht dazu aufgefordert wird.

3.0  von 10.0

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