A Quiet Place

Eine Utopie: der größte Saal im Kino, rappelvoll. Der Film geht los. Der Film geht zu Ende. Das Publikum hat 95 Minuten einfach mal die Schnauze gehalten. Kein Getuschel, kein Geraschel, kein Gequatsche. „A Quiet Place“ macht aus dieser Wunschvorstellung greifbare Realität.

John Krasinskis Horrorfilm verwandelt das Kino über seine Laufzeit hinweg sprichwörtlich in einen stillen Ort, einen mucksmäuschen-stillen Ort. Zu angespannt sind die Nerven, zu gebannt ist man von dem Geschehen auf der Leinwand, zu viel Angst hat man vor der tödlichen Wirkung eines Geräusches. Tatsächlich aber ist „A Quiet Place“ aber kein Film über Klänge, kein Film über Töne, kein Film über Geräusche, sondern ein Film über Stille. Frei nach der altbekannten Altklug-Doktrin „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ entwendet Krasinski seinen Figuren das Wort, aber auch seiner Umgebung den Klangteppich.

Die permanente Gefahr nämlich durch nahezu omnipotente Außerirdische, die einen durch effektiv ekelhaftes Erscheinungsbild Essen hochwürgen lassen, reagiert nur auf Geräusche. Der Überlebenswille der Protagonisten verbietet dementsprechend Geräusche und dieser Fokus auf Stille resultiert in gleich zweierlei gearteter Intensität.

So ist nämlich zum einen das Spiel der Mimen wesentlich stärker angewiesen auf große und kleine Gesten sowie die Sprache des Gesichts, was der talentierte Cast selbstredend hervorragende umsetzt. Zum anderen aber ist auch die Atmosphäre des Films intensiviert; durch den Verzicht auf laute Töne entsteht eine nahezu elektrisch aufgeladene Grundstimmung, bei der jedes Geräusch dem Erleiden eines Stromschlages gleich unweigerlich zusammenzucken lässt.

Der Horror Krasinskis beruht also vor allem auf einem Klangteppich, in dem jedes zu laute Geräusch dem Tode gleichkommt. Dementsprechend ruhig gestaltet sich das sonst tonal so aufgeladene Publikum. Krasinski aber findet auch wunderbare Bilder für seinen Film. In angenehm langsamen Kamerafahrten etabliert er unangenehm bedrohliche, potentielle Lärm- und damit Todesquellen. Zum Schock setzt Krasinski hier vornehmlich auf den Jump-Scare, eine dieser Unarten des modernen Mainstreamhorrors, der sich hier aber nicht nur anbietet, sondern aufzwingt.

„A Quiet Place“ ist ja prinzipiell ein einziger, filmgewordener Jump-Scare. Jedes erzeugte Geräusch springt dem Zuschauer in dieser allumfassenden Stille lauthals kreischend ins Gesicht; es kümmert dabei wenig ob es sich um die Explosion einer Feuerwerksrakete oder das Knarzen einer Treppenstufe handelt, beides nämlich wirkt gleich einer schrillenden Alarmsirene.

So aber findet „A Quiet Place“ eine schweigende Intensität, die einen selbst zum stillsein anregt; im Kino, doch auch darüber hinaus.

8.0 von 10.0

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