Auslöschung

Alex Garlands Film „Auslöschung“ gilt unter Produzenten als zu „intellektuell“ für ein normales Kinopublikum und findet seinen Weg an die Öffentlichkeit deshalb über Netflix.

Zu „intellektuell“ ist der Film sicherlich nicht, auch wenn er durchaus die grauen Zellen reizt. „Auslöschung“ ist vielleicht eher zu „abstrakt“. Als Film nämlich ist „Auslöschung“ vor allem ein meditativer Science-Fiction Trip, der mit zärtlicher Schönheit beruhigt und mit hartem Horror beunruhigt. Garland erzählt dabei clever; konstruiert seinen Film vorsichtig und präzise. Alles ist in dieser abstrakten, beängstigenden und betörenden Welt perfekt aufeinander abgestimmt.

Wirklich spannend wird dieser, handwerklich zweifelsohne gelungene, Film aber vor allem auf inhaltlicher Ebene. Dort nämlich ist „Auslöschung“ eine egozentrierte Reise ins Selbstzerstören und schließlich ins Selbstvergessen. Wie ein Tumor setzt sich die Gewissheit fest, dass jeder Moment der Schönheit, jeder Moment der Klarheit, von einem Moment des Destruktiven, von einem Moment der Krankhaftigkeit verfolgt wird. Und so ist es ein Film frei nach Sartre; ein Film über den Blick des Anderen und dessen Notwendigkeit zur Selbstreflexion, zur Selbsterkenntnis und letztlich auch zum Selbstbewusstsein.

„Auslöschung“ affiziert nun den Blick der Anderen auf die Protagonistin Lena indem er eben jene Anderen psychisch sowie physisch demoliert und sie schließlich völlig entfernt. Je geringer die Anzahl der Bezugspersonen wird, desto verzerrter wird dabei Lenas Außen- und damit auch Selbstwahrnehmung. Ganz großartig gelingt Garland dabei die Begegnung des Selbst mit dem Selbst; dieser eine Moment, als das Subjekt sich selbst ohne weiteres vermittelndes Subjekt zum Objekt machen will und daran zerbrechen muss. Die simpelste, logischste Konsequenz ist natürlich die Zerstörung und schließlich auch die folgende Leere. Anstelle eines Für-Sich-Seiendes Subjektes nämlich verbleibt nach dem Prozess der Selbstvernichtung durch Umweltvernichtung lediglich ein An-Sich-Seiendes Objekt, dass sich von allen anderen Objekten seiner Gattung durch die Zweck- und Konzeptlosigkeit seiner Existenz unterscheidet.

„Auslöschung“ also, der so oft als biologischer Film falsch verstanden wird, ist doch ein naturwissenschaftlicher Film im weiteren Sinne; es geht aber hier um die Wissenschaft der Natur des menschlichen Geistes; die Psychologie also. Und als eine solche psychologische Abhandlung ist „Auslöschung“ dann auch ertragreichsten und spannendsten.

Ein Film, von morbider Schönheit, von bekömmlicher Hässlichkeit, von menschlicher subjektivität und unmenschlicher objektivität. Ein Film über „Das Sein und das Nichts“.

9.0 von 10.0

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