Heilstätten

Was tut man, um einer Generation, die sich durch nichts mehr schockieren lässt, die Menschen zelebriert, die in fremde Häuser einbrechen, die Eigentum mutwillig zerstören, die jeglichen Respekt und Anstand missen lässt, einmal ordentlich den Kopf zu waschen?

„Heilstätten“ findet darauf eine durchaus kontroverse Antwort: radikales exzedieren, überziehen, vorführen. Dabei ist Michael David Pates Film durchaus geschickt konstruiert. Er ist nämlich im Stil eines YouTube-Videos gehalten, setzt also auf Found-Footage. Das ist nicht neu, das hat man schon öfters gesehen, „Blair Witch“, „Paranormal Activity“ oder „Grave Encounters“ könnten hier Pate gestanden haben, aber es ist sehr klug umgesetzt. „Heilstätten“ nimmt all diese Found-Footage-Horror-Elemente, schmeißt sie in einen Topf und prügelt sie in unbekannte Dimensionen.

Größer, schneller, weiter, nach dieser Formel ticken die Charaktere des Films und auch der Film selbst. Das ist schön, dass ergibt eine homogene Mischung, vor allem spiegelt sich darin auch der Inhalt des Films wieder. Dieses Streben nach immer mehr, immer mehr Skandal, immer mehr Spektakel, immer mehr Blut, immer mehr Aufmerksamkeit, immer mehr Gefahr, aber auch dieses Verfallen in immer mehr Verrohtheit, immer mehr Hyperaktivität, immer mehr Unkonzentriertheit, immer mehr Abgestumpftheit, dass wird von „Heilstätten“ wunderbar intensiv vernäht.

Es ist also weniger ein Film über den Horror des klassischen Spuks, sondern mehr ein Film über den Horror einer neuartigen Netzgemeinde, die konsumiert, konsumiert, konsumiert und dabei nicht kritisch hinterfragt, sondern nach immer mehr lechzt, je mehr Regeln gebrochen werden, desto besser. „Heilstätten“ ist eine satirische Abrechnung mit der Sorte Internetnutzer, die immer nur nach brutalstem Spektakel, nach reißerischer Aufmachung strebt und am Ende fühlt man sich als Zuschauer auch überführt. Dieser Film nämlich, der über seine knappe Laufzeit hervorragend unterhält und sich ebenfalls ganz wunderbar abfeiern lässt, zeigt am Ende genau das auf, führt einen in seinem Bestreben nach „total krasser Unterhaltung“ vor. Maßgebend dabei ist der wirklich kluge Twist, der eiskalt überrascht und an dieser Stelle nicht verraten werden soll.

Was bleibt noch über „Heilstätten“ zu sagen? Vielleicht, dass die Schauspieler alle samt gute Arbeit leisten und das der Film handwerklich wirklich gelungen ist. Besonders das Setting, die namensgebenden Heilstätten, ist optimal für einen Horrorfilm dieser Art und, trotz der hyperaktiven Kamera und des rasanten Schnitts, wird ein hervorragendes Gefühl für den Ort geschaffen; man hat stets ein genaues Bild der Gebäudestruktur vor Augen und weiß immer, wo die Figuren sich gerade befinden.

„Heilstätten“ ist ein Beweis dafür, dass Genrekino, ein Begriff, vor dem sich viele deutsche Regisseure fürchten, auch made in Germany funktionieren kann.

6.0 von 10.0

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