Blade Runner 2049

Ridley Scotts „Blade Runner“ illustrierte nicht nur das Wunder, er transzendierte es, ja, er war ein Wunder. Doch was ist nun Denis Villeneuves Fortsetzung „Blade Runner 2049“?

„Blade Runner 2049“ ist kein weiteres Wunder, so viel steht fest. Tatsächlich ist der Film gar ein konträres Erlebnis zum Original. Wo es dort nämlich um warmes ging, geht es hier um kaltes, wo es dort um lebendiges ging, geht es hier um totes, wo es dort um magisches ging, geht es hier um mechanisches. Schön ist, dass die beiden Filme eines gemein haben: Wo „Blade Runner“ keine Antworten gab, gibt „Blade Runner 2049“ sie mitnichten, stattdessen spinnt der Film die berückendsten Thematiken und Fragestellungen konsequent weiter. Ingleichen steht die Ästhetik der Filme in Konträrietät.

In „Blade Runner 2049“ gibt es nichts malproperes, nichts frivoles, die Bilder sind steril und blank. Gerade durch dieses klinisches wird jedoch die Wirkung des Films um ein Vielfaches verstärkt, die Bilder wirken so doch besonders verstörend und unterstützen exzeptionell die unterkühlte Stimmung des Films. Unterkühlt ist übrigens auch der Soundtrack, und das keinesfalls im positiven Sinne. Hans Zimmer weicht zwar auffallend von seinem Post-Inception-Standard ab, setzt aber stattdessen nur mehr auf Töne, die in Kombination an Musik erinnern sollen. Die besten Stück des Scores jedenfalls sind jene, die direkt von Vangelis‘ Komposition für das Original übernommen wurden.

Ebenfalls reserviert zeigt der Film sich auf emotionaler Ebene. Die großen, wahrhaftigen Gefühle kann, und will er vielleicht, auch gar nicht produzieren. Die harmoniert zum Glück gut mit dem Inhalt des Films. Es geht nämlich um eine Welt, in der Menschlichkeit vergessen wurde. In der sich Menschen nicht einmal mehr darin firm sein können, was Menschlichkeit überhaupt bedeutet. Diese Welt würde nie vom Wunder illuminiert. Mit dem Wunder gemeint ist das Leben. In dieser Welt lebt niemand fürwahr. Doch wer tut das schon?

Der von Ryan Gosling verkörperte K versucht es jedenfalls, mit allem, was dazu gehört. Er nämlich strebt in einer Welt ohne Liebe nach Liebe, in einer Welt ohne Wärme nach Wärme, in einer Welt ohne Väter nach einem Vater. Er strebt in einer Welt ohne Wunder nach einem Wunder. In „Blade Runner 2049“ verschwimmt die Grenze zwischen Menschen und Replikanten zunehmend. So sind beide Spezies kaum noch voneinander zu unterscheiden, sie leben beide nicht ihr volles Potential aus, sie sind beide im Ausdruck von Emotionen so eisig und unbeholfen wie selten zuvor gesehen.

K wird am Ende das zugebilligt, was den meisten neuen Replikanten und Menschen des Films verwährt bleibt. Er wird vom Wunder illuminiert. Von jenem, dass die längst vergangene Welt, verkörpert durch Harrison Fords Deckard, einst selbst erlebte. „Blade Runner 2049“ ist nicht sein Original. Das Original war kurz, aber nicht kurzatmig, die Fortsetzung ist lang, aber nicht langatmig. Das Original war ein Wunder. Die Fortsetzung hingegen ist nur ein artifizielles Abbild des selbigen.

Und doch, als K im Schnee liegend das Wunder, das Leben nämlich, begreift, da wird der Zuschauer gleichermaßen illuminiert und erfrischt. Denn das zuvor vergessen und verloren geglaubte wieder für einen Augenblick kurzer Dauer in Händen halten zu dürfen, dass ist ein Erlebnis, welches nur selten ein Film beschert.

„Blade Runner 2049“ mag in der Zeit verloren gehen wie eine Träne im Regen. Das Wunder aber, dass wird niemals vergehen, solange es Menschen gibt, die zu leben bereit sind.

7.0 von 10.0

 

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