Wovon träumt das Internet?

Werner Herzog erklärt das Internet.

Mit dieser Erwartungshaltung kann man an „Wovon träumt das Internet?“ herangehen. Dann wird diese aber zwangsläufig enttäuscht, denn Herzog erklärt nicht, nein, er beobachtet, er erfasst. „Wovon träumt das Internet?“ ist eine große Montage, ein Einblick in den aktuellen Stand des Internet. Der Film ist ein Überblick, der die Unberechenbarkeit, die Vielfältigkeit des Internets zeigt. So berichtet Herzog in einem Moment noch von der gemeinsam betriebenen Entschlüsselung gefährlicher Krankheiten, im nächsten wird das Schicksal einer dem Terror des Internethasses ausgesetzten Familie beleuchtet.

Dabei wird der Blick immer wieder vom großen Ganzen auf die kleinen Dinge gestellt, Herzog widmet seine Aufmerksamkeit Einzelschicksalen und echten Personen. Dabei ensteht ein fantastischer Kontrast: das Darstellen einer Persönlichkeit im Gegensatz zum Berichten über einen Komplex, in dem die einzelne Person und dementsprechend auch die Persönlichkeit nichtig, gar irrelevant sind.

So findet Herzog auf der einen Seite auch beeindruckende und doch in ihrem Kern kleine, ja eigentlich sogar ordinäre, Bilder für das Internet, einen Raum, den man ja im Prinzip gar nicht visualisieren kann, filmt aber auf der anderen Seite Personen in zunächst gewohnter, aber nach ausführlicher Betrachtung doch aufregender und überwältigender Manier. Denn die Gesprächspausen, dass Zögern und Überlegen, die ganz kleinen Gesten, die beim Interview gerne der Schnittschere zum Opfer fallen, sind Herzogs Augenmerk.

Gerade durch dieses Unausgesprochene erhält Herzogs Film noch mehr an Tiefe, schafft er es doch da durch mehr als durch alles andere, dass teils unbegreifliche, beängstigende und doch faszinierende am menschgemachten Universum greifbar zu machen. Und so ergibt sich aus all den Einzelgesprächen und Einzelschicksalen, der Betrachtung des Kleinen letztlich ein großes Ganzes. Am interessantesten wird „Wovon träumt das Internet?“ aber, wenn er sich nicht mit dem Einfluss des Netzes auf das Individuum, sondern mit dem Charakter des Internets an sich beschäftigt.

Ist es nur ein Kommunikationsmedium oder nicht schon eine künstliche Intelligenz mit eigenem Bewusstsein? Steuert der Mensch das Internet oder das Internet den Menschen? Herzog formuliert die provokante Frage, ob das Internet von sich selber träume. Eindeutig beantwortet wird diese Frage vom Film nicht. Und es bleibt unklar, ob man diese Frage überhaupt irgendwann eindeutig beantworten können wird.

Am Ende des Films ist aber vor allem eines sicher: das Internet, dass besonders die Generation der Digital Natives so gut zu kennen glaubt, ist doch unverstanden, außer Kontrolle und kaum noch zu lenken oder regulieren. „Träumt das Internet von sich selbst?“ Wir werden es nie wissen – denn die Technik hat uns längst überholt.

7.0 von 10.0

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