Zu Besuch beim internationalen Trickfilm Festival – Tag 2

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Nach knappen sechs Stunden schlaf klingelte mein Wecker und ich wusste: Es war wieder an der Zeit, sich ins ITFS zu stürzen. Davor habe ich jedoch noch ganz entspannt gefrühstückt. Danach ging es aber gleich los. For real.

Drehbuchworkshop mit Delphine Maury

Meine erste Station des Tages war ein Drehbuchworkshop mit Delphine Maury. Delphine Maury kommt aus Frankreich, ist dort Trickfilmproduzentin, sie leitet de Firma Tant Mieux Prod. Davor arbeitete sich als Script Editor für Serien wie Die Biene Maya oder The Long Long Holiday. Über ihre Arbeit beim Fernsehen verlor Maury übrigens nicht allzu viele gute Worte. Zu eingeschränkt sei ihr der Beruf des Script Editors gewesen, es herrsche zu wenig Raum für Kreativität und Fantasie. Darum habe sie, unter anderem, ihre eigene Produktionsfirma gegründet, die kurze Trickfilme produziert. Der Clou an diese Trickfilmen ist, das sie alle auf Gedichten von französischen Künstlern basieren und von Studenten entwickelt werden. Diese Kurzfilme werden auch im Fernsehen gezeigt und deswegen müssen, obwohl dies Maury natürlich nicht allzu sehr behagt, zwar selten, aber dennoch ab und zu, Eingriffe in den filmischen Schaffensprozess vorgenommen werden und einige Filme müssen gekürzt oder an einigen Stellen verändert werden. Einige der Filme wurden uns auch präsentiert. Madame Maurys Vortrag war sehr interessant, die Kurzfilme erwiesen sich alle als sehr kreativ, nur den Aspekt „Drehbuch“ habe ich vermisst. Aber man kann ja nicht alles haben.

Filmtalk

Direkt im Anschluss fand im Cafe Le Theatre der „Filmtalk“ statt. Bei diesem stellen sich die Filmemacher den Fragen des Anwesenden. Heute da waren die Regisseurin des Kurzfilms „Dead Horses“, das Regieduo hinter „The Hatchway“ und das Team hinter „Our wonderful Nature“. Die Regisseurin von „Dead Horses“ erläuterte, dass die Pferde im Film als Symbol für die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges dienen. Des Weiteren sei der Film inspiriert durch Berichte vom Krieg. Ein wichtiges Thema des Films sein außerdem die kindliche Unschuld, Naivität und der Optimismus, der den Krieg zunächst als etwas weniger schlimmes dastehen lässt und nach einer guten (im Sinne von der/die/das Gute) Erklärung für das geschehende sucht. Das Regieduo von „The Hatchway“ lieferte eine Interpretation des Films ab: der Protagonist verändert sich immer weiter, dadurch verschlimmert sich seine Situation aber stetig. Er gelange deshalb zu der Erkenntnis, dass Veränderung Verschlechterung bedeute und beschließe deshalb, zu versuchen, den Status Quo aufrecht zu erhalten. Auf die Frage hin, ob die Hautfarbe der Hauptfigur (er ist schwarz) irgendeine Bedeutung hätte, antwortete das Duo „He’s black. Why not?“. Das Team von „Our wonderful Nature“ erklärte im Anschluss eines ihrer liebsten humoristischen Features ihres Films: das Chamäleon wirkt extrem realistisch, der Beginn des Films wirkt wie eine ernsthafte Dokumentation. Erst, als die ersten Beutetiere des Chamäleons auftauchen, die völlig überzeichnet sind, wird dem Zuschauer klar, dass er hochgenommen wird und es sich nicht um eine Dokumentation handelt. Ansonsten legte das Team dar, dass der Film vor allem ein kurzer Werbeclip für die Animationsfirma des Teams, Lumatic, sei. Am Ende des Talks stellte ich die Frage, was den Filmemachern zufolge der größte Vorteil von Animationsfilm gegenüber dem Realfilm sei. Das Lumatic Team sagte, dass dem Animationsfilm keine Grenzen gesetzt seien und in animierte Form alles möglich sei, die „Dead Horses“ Regisseurin legte dar, dass ihrer Meinung nach der Animationsfilm deshalb so attraktiv sei, weil man mit sehr niedrigen Budgets trotzdem fantastische Bilder schaffen könne und für den Regisseur von „The Hatchway“ war besonders interessant, dass man sich beim animieren einer Figur auch irgendwie in diese hineinversetzt.

Kurz auf der Gamezone

Ich hatte nach dem Gespräch erstmal eine gute Stunde Zeit, in der ich nichts geplant hatte. Also war ich kurz auf der Gamezone. Dort habe ich mir eine Sache, die mir schon gestern auffiel, genauer angesehen. Und zwar wurden einige Spiele vorgestellt, unterteilt in „Playfull Art“ und „Meaningful Games“. Bei der ersteren Kategorie wurden besonders Ästhetische und kreative Spiele vorgestellt, bei der zweiten politisch und sozialkritische Spiele. Eine schöne Sache und eventuell ein guter Ansatz, um das Dogma „Spiele sind sinnlos und enthalten nur Gewalt!“ zu überwinden.

Tobias Totz und sein Löwe

Gleich im Anschluss bin ich zur Thilo Graf Rothschild Hommage gegangen und habe da „Tobias Totz und sein Löwe“ im Kino gesehen. Der Film ist zwar dramaturgisch teilweise etwas ungelenk, aber dafür auf der anderen Seite so wunderbar kreativ und aufrichtig liebevoll, dass man ihn einfach gern haben muss. Eine schöne Sache.

Besuch bei Saturn

Das hat überhaupt gar nichts dem Festival zu tun, aber ich war auch kurz im Saturn und im Merchandise Shop Close-Up. Vielleicht interessiert es ja wen.

Abendessen

Besonders interessant gestaltete sich die Suche nach einem Ort, an dem es gutes und günstiges Abendessen gab. Ich fand irgendwann einen Asia Imbiss, der mir für 3€ Bratnudeln mit Sojasproßen, Ei und Erdnusssoße verkaufte. Insgesamt war das, wenn man den extrem niedrigen Preis bedenkt, doch ganz in Ordnung, besonders witzig ist aber das Bild, dass sich jemandem, der am Imbiss vorbeilief geboten haben muss. Acht Tische für jeweils sechs Personen waren dort aufgebaut, an jedem Tisch saß je eine Person. Die eine war ich, mit gut sichtbarem Presseausweis, zwei waren mitvierziger in abgewrackten Anzügen, einer wirkte wie ein hipper Buisinessman, der zwar coole Ideen hat, auf dem Markt aber trotzdem keine Chance hat und der Rest wirkte wie mitzwanziger, die gerade von der Freundin verlassen wurden und deren Hund man getötet hat. Insgesamt hat sich den Leuten also wohl ein sehr trauriges Bild geboten, was so gar nicht zu der Stimmung im Laden passte. Es spielte flotte, gute Musik und das Personal war sehr freundlich. Insgesamt herrschte also eine lockere Stimmung, was zum traurig ausschauenden Klientel nicht so recht passen wollte.

Noch mehr Gamezone

Nach dem Abendessen ging es wieder auf die Gamezone. Dort hab ich wieder ein VR Spiel angetestet, bei diesem befand man sich in einem Wald und sah, wie langsam das Licht die Blätter durchflutete und der Wald zum Leben erwachte. Insgesamt eine sehr entspannte, meditative Erfahrung, die wieder einmal zeigt, wie faszinierend und vielseitig VR eigentlich sein kann. Außerdem habe ich ausführlich angespielt „Unmanned“ und „Papers, Please!“. Beim ersten spielt man einen Piloten, der Bombenangriffe auf vermutliche Terroristen spielt. Dabei zeigt das Spiel ausführlich, wie schwach sein Privatleben ausgeprägt ist, wie Dysfunktional seine Ehe sich gestaltet und wie geplagt er von Albträumen ist. Eine intensive Erfahrung. Bei „Papers, Please!“ spielt man eine Grenzwärter, der entscheidet, wer ins Land kommt und wer nicht. Das Spiel klingt sehr simpel, macht aber ziemlichen Spaß, wird schnell ziemlich schwer und gibt einen schönen, sozialkritischen Kommentar ab. Die beiden Titel sind übrigens nicht topaktuell, sondern etwas älter, wurden aber auf der Gamezone im Rahmen der „Meaningful Games“ vorgestellt. Ich kann auf jeden Fall für beide Titel eine klare Empfehlung aussprechen, „Papers, Please!“ gibt es günstig auf Steam und „Unmanned“ ist meines Wissens nach sogar kostenlos.

Ethel und Ernest

Am Abend habe ich zwei Filme im Rahmen des Festivals gesichtet. „Ethel und Ernest“ ist der erste der beiden. Der Film handelt von einem Paar, dass in der Zeit vom ersten Weltkrieg bis zur Mondlandung in England lebt. Das Pärchen ist eigentlich nichts besonderes, aber die Zeit in der es lebt ist eine besondere. Sie sind es nämlich, die die wichtigsten Ereignisse der Weltgeschichte miterleben. Vom zweiten Weltkrieg über den ersten Einsatz der Atombombe bis hin zur Mondlandung, Ethel und Ernest bekommen es alles mit. Der Film schafft es wunderbar, viele pessimistische Zeiten darzustellen und trotzdem auszudrücken, dass, egal wie dunkel es aus sein mag, es immer vorwärts gehen wird, es immer Fortschritt geben wird und das irgendwann alles wieder gut wird. Man muss nur genug hoffen und lieben, dann kann man auch die dunkelsten Zeiten durchstehen und herrlichen Zeiten entgegenblicken. Wenn dann Paul McCartneys eigens für den Film geschriebener Song „In the blink of an eye“ während der Credits läuft, dann weiß man als Zuseher, dass man gerade etwas von wahrhafter Größe gesehen hat.

Psychonauts, the forgotten Children

Mein Highlight des Abends war der Film „Psychonauts“. Der Film zeigt eine Gesellschaft, die nach einer atomaren Katastrophe langsam zerfällt, es geht um die Außenseiter Birdboy und Dinky, die aus dieser Gesellschaft entkommen wollen, der eine, in dem er sich völlig isoliert, die andere, in dem sie aktiv flieht, es geht um Drogenkonsum, Polizeigewalt, die falsche Familie, sterben, Tod, Faschismus, Verlust und noch vieles mehr. „Psychonauts“ ist düster und verstörend und faszinierend und unglaublich schwer zu beschreiben. Vor dem Film wurde noch der Kurzfilm „Birdboy“ gezeigt, bei dem es sich im Prinzip mehr oder weniger um ein Pitch zu „Psychonauts“ handelte. Da ich diesen Film für äußerst komplex und nur schwer greifbar in seinen Inhalten hielt, habe ich beschlossen, den Regisseur Pedro Rivero zu fragen, ob er eventuell Zeit für ein Interview hätte. Tatsächlich hatte er diese und ich werde nun am Donnerstag (also der nächste Tag vom Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels aus gesehen, aber der gleiche Tag vom Zeitpunkt seiner Veröffentlichung aus gesehen – dieser Artikel behandelt Mittwoch, den 03.05) ein Gespräch mit ihm führen. Bei dieser Gelegenheit werde ich ihn natürlich auf die Inhalte seines Films ansprechen.

Fazit Tag 2:

Das ITFS macht noch mehr Freude als am Vortag. Das Programm ist weiterhin interessant, die Filmemacher sind spannend, die Gamezone ist klasse und auch die Stadt selber bleibt immer noch ein toller Ort zum herumstromern.

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