A Cure for Wellness

Wäre „A Cure for Wellness“ ein Roman, er wäre das uneheliche Kind von Kings „Shining“ und Kafkas „Das Schloss“.

Gore Verbinskis neuster Film gehört mit Sicherheit zu den bisher faszinierensten Filmen des Jahres, fließend sind die Grenzen zwischen Traum und Wachzustand, zwischen Fiktion und Realität. So richtig eindeutig will „A Cure for Wellness“ nie werden und das ist gerade das schöne am Film: ob denn Dane DeHaans Charakter wirklich nur das Opfer ist und nicht doch der Tätet, der Eindringling der Unruhe bringt und den modernen Größenwahn in die entschleunigte Gesellschaft einschleust, das muss man für sich selbst entscheiden. Es kommt eben auf die Les- beziehungsweise in diesem Falle wohl eher Sehart an – ganz im Sinne von Kafkas „Schloss“ eben. Ganz und gar nicht uneindeutig ist dazu im Vergleich Verbinskis Gewaltdarstellung.

„A Cure for Wellness“ wird stellenweise unangenehm explizit und manifestiert in seiner Brutalität den ansonsten eher ungreifbaren Grusel. Natürlich darf bei diesem verworrenen Konstruk auch der erhobene Zeigefinger nicht fehlen und so lässt Verbinski es sich nicht nehmen, schön augenzwinkernd gegen den Kapitalismus zu wettern und dessen allgegenwärtigkeit dadurch zu verdeutlichen, dass das Sanatorium, welches doch gerade damit wirbt, ein Heilmittel gegen die Gier des Menschen zu haben, selbst nach urkapitalistischen Prinzipien geführt wird. Verbinski zelebriert hier die Unfähigkeit des einzelnen, aus dem Kapitalismus auszubrechen. Besonders deutlich wird dies, wenn am Ende DeHaan sowohl dem Sanatorium als auch der Firma entflieht, er also der „Haben-Wollen-Gesellschaft“ eigentlich entkommen ist, aber eben selbst auch den Hauptbegehr an sich gerissen hat und durch ein äußerst schleimiges Grinsen klar macht, dass dies mit Sicherheit auch sein erklärtes Ziel war.

Das „Nicht-Entkommen“ ist ja auch sonst eines der Leitthemen des neuen Verbinski Films. Ständig hat man das Gefühl, dass man eigentlich dem Sanatorium nicht entfliehen kann. Seien es die Mitarbeiter, das Wild, die Wände – Verbinski feiert hier eine schön klaustrophobische Stimmung ab und das, obwohl seine Kulisse weitläufiger kaum sein könnte. Es geht um das Gefühl, gefangen zu sein, aber auch um das Gefühl, dass im Körper etwas ist, was da nicht hingehört. Seien es Schlangen, seien es Kinder gezeugt vom engsten Verwandten. Auch hier verschwimmen wieder die grenzen zwischen Fiktion, Traum und Realität.

Dementsprechend ist die Kamera auch in spiegelnde Oberflächen verliebt. Blankes Metall, Glas und ganz besonders wichtig: Wasser. Wasser ist omnipräsent in diesem Film, sei es ein Schwimmbad, ein Gefängnis in Form eines Tankes oder auch nur das Glas Wasser, dessen Konsum gefühlt 10% des Films ausmacht. Natürlich dürfen dann auch Schlangenähnliche Bewohner des Wassers nicht fehlen und auch diese sind heißgeliebte Motive des Films. Überall trifft man sie an: Im See, im Schwimmbad, in der Toilette, im Magen einer Kuh, in den eigenen Körpergefäßen. Auch hier ist aber wieder nicht ganz klar, ob die Muränen nun tatsächlich existieren oder ob es nicht einfach nur der Wahnsinn ist, der sich langsam durch das Hirn des Protagonisten schlängelt. Das die Kreauren dabei nur im Wasser angetroffen werden hat mitunter auch seinen Grund. Wasser nämlich ist in diesem Film der Spiegel, der den Blick öffnet und einen sehen lässt.

Die dem Protagonisten geschenkte Holzballerina sieht nicht, denn sie träumt, aber sie weiß nicht, dass sie träumt. Was passiert wenn sie aufwacht? Der Film verweigert die Antwort, aber wir wissen es: sie fällt ins Wasser.

7.0 von 10.0

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