Raum

Ist Lenny Abrahamson ein neuer Steven Spielberg? Zumindest eines der prägnanstenten Erkennungsmerkmale des Meisters, die Subjektivitätserzählung, übernimmt Abrahamson bravourös.

„Raum“ wird aus den Augen eines fünfjährigen Jungen erzählt, der Opfer eines unfassbaren Verbrechens wird und die Welt außerhalb eines kleinen Raumes erst mit Fünf Jahren zu Gesicht bekommt. Genau da ist der Clou bei „Raum“. Durch die Kinderperspektive ergeben sich völlig neue narrative und stilistische Optionen.

So wirkt die Welt im Namensgebenden Raum erst einmal sicher, obwohl der Zuseher natürlich um die Grausamkeit dahinter und auch das innere Tosen der Mutter weiß. Nichtsdestotrotz gelingt es Abrahamson, eine sichere, ja beinahe wohlige Atmosphäre aufzubauen. Dieser „sichere“ Eindruck bekommt aber bald erste Risse, durch die Präsenz des „Old Nick“. Auch hier greift Abrahamson auf Spielberg-zertifizierte Tricks zurück. Der „Böse“, der in diesem Falle ja auch tatsächlich böse ist, wird häufig von den Bein ab abgeschnitten, sein Atmen wirkt lauter als es sein sollte, seine Bewegungen muten „wuchtiger“ an, als man erwartet.

Die Sicht eines Kindes, eben. Ebenfalls großartig: Die zweite Hälfte, außerhalb des „heimischen“ Gefängnisses. Die Entdeckung der „realen“ Welt, ein Horrortrip sondersgleichen. Abrahamson schafft es, das Altbekannte, das Alltägliche, das Belanglose als bedrohlich, unnahbar, ja nahezu furchterregend zu inszenieren. Häufig in Großaufnahme, häufig viel lauter als erwartet offenbart sich eine Kakophonie der Sinneseindrücke, die unangenehmer kaum sein könnte. Noch großartiger: die zärtliche Annäherung, das Entdecken, das Verstehen, das Lieben lernen.

„Raum“ steckt im Kern voller Menschlichkeit, besonders Brie Larson darf in ihrer durchaus Oscarwürdigen Performance Momente voller emotionaler Intensität erschaffen. „Raum“ setzt dabei gar nicht mal auf Kitsch, auf billige Schocker und „Auf-die-Tränendrüse-drück-Momente“, die Emotionalität ergibt sich aus Figuren, die echte, richtige und leibhaftige Menschen sind.

Manchmal klingt in „Raum“ ein kleiner Pathos an. Etwa wenn zu Jon Hopkins‘ bereits aus „Monsters“ bekannten Thema Mutter und Sohn sich nach viel zu langer Zeit endlich wieder in die Arme fallen. Das ist intensives Kino.

9.0 von 10.0

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