Lucy

„Lucy“ mit allgemeingültigen Aussagen zu beschreiben ist schwierig, da der Film mehr oder weniger zwei Unterfilme enthält.

So sind die ersten 20 Minuten in ihrem intensiven Schauspiel und allgemeinen Suspense durchaus sehenswert, dass beeindruckend, komplex visualisierte Finale darf sich ebenfalls sehen lassen. Was dazwischen abläuft darf sich jedoch durchaus nicht sehen lassen, Besson wandert regelmäßig zwischen Gangsterfilm, Superheldendrama und Pseudotarantino. Nun muss man sich bei der Bewertung von „Lucy“ aber durchaus die Frage stellen, was der Film denn eigentlich soll.

Soll er unterhalten? Filme auf den Unterhaltungswert zu reduzieren ist generell kritisch zu betrachten, sollte nicht vorgenommen werden. Um das aber abzuhaken, „Lucy“ ist gute 20 Minuten zu lang, was bei weniger als 90 Minuten Laufzeit eigentlich schon für sich spricht.

Soll ein Film eine gute Geschichte erzählen? Auch dieses Kriterium ist eher kritisch zu betrachten, ist ein Film doch vorrangig ein audiovisuelles und kein narratives Medium, heißt also, dass Ton und Bild über dem Wort stehen. Nun darf man aber ganz unbesorgt sein, „Lucy“ erzählt keine richtig gute Geschichte, wobei sie schlecht natürlich auch nicht ist.

Übrig bleibt also, nach dem Auschließen des Unterhaltungs- und Inhaltsfilmes, „Lucy“ als Formfilm zu werten. Gerade hier offenbart sich die Dualität des Films. Auf der einen Seite intensives Kino, konkret visualisierte Action und ein Kubrick’sches Finale, auf der anderen Seite mangelnde Bildästhetik und dilettant-epileptisch gefilmte Bildkreationen. In seinen besten Momenten erinnert „Lucy“ wohlig an „Terminator“ und „2001“, in seinen schlechtesten, die leider präsenter sind, an „Alarm für Kobra-11“.

Nun ist das Scheitern des Films eigentlich doch recht unverständlich, gerade bei den krassen Gegensätzen die sich auftun. Ästhetisch hat der Film dabei durchaus Potential, auch die, sagen wir, nicht-kopierten Szenen überzeugend zu gestalten. So finden sich immer wieder Ansätze zu einer interessanten Körper- beziehungsweise Entkörperungästhetik. Scarlett Johansson ist dabei, völlig wertungsfrei, eine gute ästhetische Vorlage, auf der Besson seine hobbyphilosophische Entkörperungsgeschichte aufbauen hätte können. Hat eigentlich schon mal jemand „Her“ und „Lucy“ miteinander verglichen?

Mal abgesehen davon, dass Scarlett Johansson in beiden Filmen eine Hauptrolle spielt und es um hochgesteigerte Intelligenz geht, beschäftigen sich doch beide Filme mit der Entkörperung. „Lucy“ darf man also durchaus als Actionvariante von „Her“ begreifen. Während letzterer Film aber seine körperlosigkeit auch als Stilmittel verwendet, finden „Lucy“ nie die richtigen Bilder.

Am Ende hat man also einen latent rassistischen, größtenteils unästhetischen, hervorragend geschauspielerten und leider sehr unkonkret visualisierten Film, der durchaus großes Kino bietet und hätte sein können – letztlich aber scheitert, wahrscheinlich der Unfähigkeit des Regisseurs, seine Thematik vollständig zu begreifen wegen.

4.0 von 10.0

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s