Her

Liebe im Film ist immer eine interessante Angelegenheit. Liebe setzt sich als Gefühl eigentlich aus verschiedenen Dingen zusammen. Sexuelle Anziehung, Vertrauen und eben auch das Gefühl, intellektuell auf einem ähnlichen Niveau zu sein spielen in dieses Gefühl der Liebe mit ein. Körperlichkeit und Verstand also. Warum scheitern dann viele Lovestories im Kino?

Immerhin, Körperästhetik ist durchaus eine visuelle Grundlage, auf der Filme aufbauen können, und der Verstand verspricht doch eigentlich auch Kino mit Hirn. Leider mangelt es in Filmromanzen häufig an körperlichkeit und Verstand. Um dies zu verschleiern wird in der Regel auf mächtigen Kitsch gesetzt. Das dabei durchaus auch wunderbar pathosgeladene Filme entstehen können, versteht sich von selbst, es ist aber eher Ausnahme als Regel. Was macht nun „Her“ so besonders?

Nun gut, es geht um einen Mann, der sich in ein intelligentes Betriebssystem verliebt. Verstand scheint also gegeben, wie steht es nun um die körperlichkeit? Spike Jonze beschäftigt sich tatsächlich ausführlich damit. Beziehungsweise damit, wie Liebe ohne Körper funktioniert. Bei Jonze findet die Liebe über den Verstand statt, Sex ist eher eine Sache des Intellekts als des Körpers. Tatsächlich spielt sexuelle Anziehung in „Her“ eine große Rolle. Jonze weigert sich aber zu glauben, dass diese nur über den Körper ausgeübt wird. Für ihn übt der Verstand die sexuelle Anziehung aus.

In „Her“ hat der Mensch sein primitives Dasein überwunden, die „hohen“ Gefühle können nun eigentlich völlig ausgelebt werden. Allerdings ist diese Emotionalität auf dem Rückzug, Briefe werden nun bei Agenturen in Auftrag gegeben und verfasst, wirklich beschäftigen tut man sich nicht mehr miteinander. In Jonzes Zukunftsversion ist körperliche Liebe überall erwerblich, aber wirkliche Gefühle sind selten. Der sensible Protagonist Theodore will aber mehr als das, er sucht die Liebe über den Verstand und findet diese über ein Betriebssystem.

„Her“ entfaltet dabei eine unermessliche Sinnlichkeit, der Verstand der beiden Liebenden ist sexy, Gefühle lassen sich über Worte sowieso viel besser ausdrücken. Worte sind auch der Großteil des Films, es ist fast mehr ein Hörspiel. „Her“ hat eine sehr minimalistische Ästhetik, die Bilder sind eher zweckmäßig. Dies ändert nichts daran, dass der Film formal herausragend ist. Er vermittelt seine Gefühle eben auch visuell, gleichzeitig ergibt sich die Sinnlichkeit des Films aber viel mehr aus den gesprochenen Worten.

Auf der einen Seite wirkt dies befremdlich, auch Theodore selbst wird im Film für seine Beziehung zunächst verspottet. Wie soll Liebe ohne Körper funktionieren? Tatsächlich stellt Jonze eher die Gegenfrage, was denn überhaupt echte Liebe ist. Seine Charaktere lieben sich innig, so sehr, dass sie sich trotz der mangelnden Körperlichkeit fühlen können. In der ersten Sexszene zwischen Theodore und dem Betriebssystem Samantha zeigt Jonze nur ein schwarzes Bild, zu hören sind die Worte der Protagonisten. Die Liebe mit allem was dazugehört ist bei Jonze also Kopfsache.

Der Film setzt sich tatsächlich gar nicht besonders ausführlich mit künstlicher Intelligenz auseinander, sondern mit der Frage, was echte Liebe ist. Am Ende von Jonzes Werk gibt es keine Antwort. Was Liebe ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

9.0 von 10.0

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