Walhalla Rising

„Walhalla Rising“ ist ein Stummfilm.

Diese Aussage ist Unsinn, wer den Film aber gesehen hat, der weiß, dass durchaus wenig gesprochen wird. Tatsächlich bleibt der von Mads Mikkelsen gespielte Einauge den ganzen Film über stumm, die restlichen Charaktere reden auch nicht viel. „Walhalla Rising“ will eine audiovisuelle Erzählung sein, schafft es dann aber leider doch nicht ganz, seine Charaktere völlig stumm sein zu lassen. Es gibt also durchaus Dialog im Film, und dieser hat dann auch seine Daseinsberechtigung.

Denn trotz des zweifelsohne vorhandenen Anspruches, eben ein audiovisueller und kein narrativer Film zu sein, muss „Walhalla Rising“ für das gebotene Erlebnis einen minimalen, narrativen Untergrund haben. Nicolas Winding Refn vermischt in seinem düsteren Wikingerepos nordische Mythologie mit dem christlichen Kreuzzugsglauben. Letzterer wird dabei über das gesprochene Wort vermittelt, erstere dient als Grundlage für die Ästhetik des Films.

„Walhalla Rising“ ist ein Film, der vor allem formal überzeugt. Refns Bilder sind rau und minimalistisch, häufig in rot und schwarz Töne getaucht. Die eingesetzte Gewalt ist dabei sehr hart, gleichzeitig aber auch trocken inszeniert. Kein episches Pathosgedudel, einfach ein glatter, harter Schlag in die Fresse. Musikalisch sieht es ähnlich aus, wobei von Musik im engeren Sinne natürlich gar nicht erst gesprochen werden kann.

„Walhalla Rising“ ist von bizarren Tönen untermalt, die im Wechselspiel mit den mitunter verstörenden Bilder ein absolut traumatisierendes Filmerlebnis erzeugen. Auch der, trotz des Fokusses auf die Form, durchaus vorhandene Inhalt macht „Walhalla Rising“ nicht gerade erträglicher. Es ist ein Film über eine Gruppe Männer, die langsam den Verstand verlieren. Tatsächlich tritt im Film keine einzige Frau auf, die männliche Gewalt und der Wahn dominieren den Film.

Als Fels un der Brandung zwischen dem Getose aus Wahnsinn, verlorener Kindheit und unausgelebter Sexualität dient der stumme Krieger Einauge, der obwohl er zweifelsohne seinen Mitstreitern und Kontrahenten in Sachen Brutalität um einiges vorraus ist, irgendwie als Bezugsperson dient. Ihn umgibt eine mystische Aura, er spricht trotz seiner Stummheit sowohl zu den anderen Charakteren des Films als auch zum Publikum. In „Walhalla Rising“ sind die Charaktere auf der Suche nach Gott, auf der Suche nach dem heiligen Land. Vielleicht haben sie ersteren in Form von Einauge gefunden.

Er sagt die Zukunft voraus, er beschützt auf beinahe liebevolle Weise einen Jungen, er straft die jenigen, die dem Jungen böses wollen. Ein liebender und ein strafender Gott, also. Interessanterweise lässt sich dieser grausame Gottescharakter noch einmal in Nicolas Winding Refns Werk finden, und zwar in „Only God Forgives“. Die Ironie in beiden Filmen ist, dass dieser Gottescharakter der am wenigsten vergebende Charakter ist.

Nun ist „Walhalla Rising“ also ein durchaus verstörendes Filmerlebnis, aber auch eines, dass sich auszahlt. Die Faszination, der Film ausübt, lässt sich dabei kaum in Worte fassen. Um diese verstehen zu können, muss man Refns Werk selbst gesehen haben.

7.0 von 10.0

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