Königreich der Himmel

Balian ist ein guter Ritter, Baldwin IV ist ein guter König, Tiberias ist ein guter Lord. Ridley Scotts Meisterwerk Kingdom of Heaven versetzt diese guten Menschen nun in eine böse Welt.

Guy de Lusignan ist ein schlechter Ritter, Reynald ist ein schlechter Lord. Kingdom of Heaven zeigt drei Idealisten, die in einer harten Welt Leben, die versuchen diese Welt zu verbessern. Dabei scheitert jeder dieser drei auf seine eigene Art und Weise. Baldwin stirbt an der Lepra, Tiberias lebt sein Leben nicht, Balian gelingt es nicht, Frieden zu wahren. Es sind diese drei Charaktere, voller Menschlichkeit, der im Film zu Grunde gerichtet werden. Ridley Scott blickt damit auch auf die reale Welt, in der doch gerade der Idealist, der Menschenfreund, zum scheitern verurteilt ist.

Kingdom of Heaven stellt natürlich auch den Konflikt der Religionen dar, ironischerweise sind weder Baldwin noch Balian noch Tiberias streng gläubig, einen Konflikt zwischen Islam und Christentum. Dabei wird der Zuseher auf brutale Weise der westlichen Illusion entbunden, der Islam sei die Wurzel allen Übels. Nein, besonders die Christen sind die Verbrecher, die brutalen Mörder. Kingdom of Heaven betrachtet die Religion erstaunlich ambivalent, ja er hat sogar deutlich kritische Tendenzen ohne dabei jeweils den Zeigefinger zu erheben und Religion zu verteufeln. Auf die Frage Balians, was Jerusalem wert sei, antwortet der muslimische König Saladin mit „Nothing“ und „Everything“. Das beschreibt die Einstellung des Films zur Religion auf perfekte Weise.

Was ist Religion? Alles. Und nichts. Interessanterweise gibt es in diesem Film auch einen Charakter, der Gott symbolisiert. Ein stets lächelnder Mann, ein ehemaliger Gefolgsmann des Vaters Balians, der immer dann erscheint, wenn Balian sich in Not befindet. In einer Szene spricht Balian zu diesem Manne, er steht hinter ihm, so das Balian ihn nicht sieht, während vor Balian ein Dornenbusch brennt. In dieser Szene realisiert der Zuseher, dass es sich bei diesem Mann um Gott handeln muss. Am Ende des Films, als der Films, als der Frieden im heiligen Land zusammenbricht und die Christen in den Krieg ziehen folgt dieser Gottescharakter ihnen – und stirbt. Gott ist also tot, nein, die Religion ist tot, wenn sie für den Krieg instrumentalisiert wird.

Ridley Scotts Epos ist bei all der Kritik an religiösem Fanatismus, den Kreuzzügen und dem Missbrauch des Glaubens natürlich auch ein Film voller Menschlichkeit, und vor allem ein atemberaubend gefilmtes Meisterwerk. Scotts Bilder sind so mächtig, so aussagekräftig, so erhaben. Eine ständige Gratwanderung zwischen Schönheit und Grausamkeit, zwischen Menschenliebe und Menschenhass.

Ein Gemälde von einem Film, ein brachiales Kunststück. Wahrscheinlich war nie ein Historienfilm schöner als Kingdom of Heaven, wahrscheinlich hatte nie ein Historienfilm schönere Bilder, wahrscheinlich hatte nie ein Historienfilm einen schöneren Soundtrack, wahrscheinlich war nie ein Historienfilm inhaltlich so interessant und wichtig und aktuell. Ridley Scott begreift Film sowohl als audiovisuelles als auch als narratives Medium und wendet dementsprechend beides auf den Film an. Insofern sind die Bilder als Erzählmittel dem Dialog absolut gleichgesetzt, was vor allem im Blockbusterkino doch eine Seltenheit ist.

Der Spagat gelingt. Kingdom of Heaven ist ein Meisterwerk, ein ergreifender und pathetischer, ein zum nachdenken anregender, ein kritischer und aufrüttelnder, ein schockierender und ein wunderschöner Film. Wer diesen Geniestreich noch nicht gesehen hat, sollte ihn unbedingt nachholen. Natürlich im Extendet Cut.

9.0 von 10.0

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